
Der Honduraner Gabriel Salmerón Hernández ist heute 35 Jahre alt und lebt in Escobedo, im mexikanischen Bundesstaat Nuevo León. Geboren ist er in El Progreso, Yoro, Sohn einer armen Familie. Mit 12 Jahren ging er auf die Straße, nahm Drogen, schloss sich der berüchtigten Jugendgang Mara Salvatrucha an. Vier Jahre später wollte er all dem entfliehen und machte sich auf den Weg in die USA, erreichte New York. „Ich hoffte dort sei alles anders, war es aber nicht“. Auch dort landete er schnell im kriminellen Milieu, Drogen, Diebstähle, Überfälle. 2008 wurde er nach Honduras deportiert, besuchte seine Mutter, blieb aber nur kurz. „Ich fühlte wieder dieselbe Leere, wie in meiner Kindheit. Ich hielt es dort nicht aus, entschloss mich wieder auf den Weg in den Norden zu machen, hoffte darauf, dass sich mir diesmal der amerikanische Traum erfüllen würde. Meiner Mutter sagte ich, dass ich lieber sterben will, als hier ein miserables Leben zu fristen.“ In El Ceibo überquerte er die Grenze von Guatemala nach Mexiko. In Tenosique bestieg er die „Bestie“. Am Rio Bravo, dem Grenzfluss zur USA sagte man ihm „wir töten dich, wenn du einen Fuß in´s Wasser setzt. Ich bekam Angst und irrte dann ziellos durch den Norden Mexikos. Ich lebte auf der Straße und drehte durch, bis eines Tages Leute erschienen und sagten Jesus liebt dich, er kann dein Leben ändern, dir helfen“, berichtet Gabriel.
Bei Olga Marina Hernández, seiner Mutter, meldete er sich nie wieder. Seit 3 Jahren sucht sie nach ihm, hat die Hoffnung nie aufgegeben, dass er noch lebt. Vorher hat er sich spätestens gemeldet, wenn er in großen Schwierigkeiten war, hat seine Mutter angebettelt sie möge ihm Geld schicken, was sie immer gemacht hat, im Rahmen ihrer sehr begrenzten Möglichkeiten. Im vergangenen Jahr nahm sie erstmals an der Karawane durch Mexiko teil, bekam erste Hinweise auf den Verbleib ihres Sohnes. Denen gingen die Aktivisten des Movimiento Migrante Mesoamericano nach bis es zu einem Kontakt mit der Freundin von Gabriel und dem Prediger der evangelikalen Kirche „Cristo Vivo“ – Christus Lebt – kam. Cristo Vivo betreibt neben der Kirche in Escobedo und anderen Städten Nordmexikos, seit kurzem auch in El Salvador, Rehabilitationszentren für Drogen- und Alkoholabhängige. Ihre Freiwilligen ziehen tagtäglich durch die Straßen der Armenviertel, besuchen Märkte und andere hot spots, predigen und präsentieren aufdringlich die Botschaft, die auf ihren T-Shirts prangt „Adictos a Cristo“ - Süchtig auf Christus.
Bei unserer Ankunft im Zentrum von Cristo Vivo treffen wir dann auf eine straff, fast militärisch organisierte Truppe junger Menschen, alle süchtig auf Christus. Begrüßt werden wir mit einer hightech show, Lichter, wie bei einem Rockkonzert, uns wird ein hochprofessionell produziertes Werbevideo präsentiert, anschließend ein Video, in dem Gabriel von seiner Kindheit und Jugend spricht. Seine Mutter sitzt in der ersten Reihe, Fray Tomás und Marta Sanchez (M3) stehen ihr bei. Erst nach einer Stunde betritt Gabriel in grau-blauen Anzug diese irritierende Szenerie, umarmt seine Mutter mit Tränen in den Augen. Dann steigt er mit ihr auf die Bühne. Die Sekte hat ihn zum Prediger ausgebildet und heute ist seine Initiation. Ganz im Stil der fanatischen us-amerikanischen Fernsehprediger schmettert er seine erste Predigt hin. Seine Mutter lässt er versteinert hinter sich stehen, während die versammelte Cristo Vivo-Gemeinde ihm applaudiert und zujubelt.
Olga ist glücklich nun Gewissheit zu haben, dass ihr Sohn lebt. Das Foto, das sie immer mit sich trug hängt sie Gabriel um den Hals, „das brauch ich jetzt nicht mehr“. Ob Mutter und Sohn sich näher kommen werden, wird sich zeigen. Erst will Olga nicht in Escobedo bleiben, will die Karawane weiter begleiten, zuletzt entscheidet sie dann doch ein paar Tage bei ihrem Sohn zu bleiben.
Anschließend besuchen wir die Migrantenherberge im benachbarten Monterrey, wo die Teilnehmer/innen der Karawane auch mit den Vertretern/innen der Vereinigung der Angehörigen von Verschwundenen im Bundesstaat Nuevo León zusammentreffen. Sie teilen ihr Leid, ihre Wut auf die Behörden, die nichts unternehmen, geben sich gegenseitig Mut, bekräftigen ihre Hoffnung. „Vivos se los llevaron, vivos los queremos“ Lebend hat man sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück, die selbe Forderung, die in den 70er und 80er Jahren Großmütter und Mütter in Chile, Argentinien, El Salvador und Guatemala skandierten, angesichts des gewaltsamen Verschwindenslassen Tausender. Damals waren die Militärdiktaturen verantwortlich, heute sind es die Kartelle und Teile der staatlichen Sicherheitskräfte. Die Zentralamerikanerinnen skandieren „Lebend zogen sie los / Lebend kamen sie hier (in Mexiko) an, lebend wollen wir sie zurück“.
5. Tag Escobedo – Monterrey, Nuevo León - 19. Oktober
Veröffentlicht von Dieter Müller am 23.10.2012 | 0 Kommentare
