
Von der Migrantenherberge zieht ein Protestmarsch der Angehörigen von in Mexiko verschwundenen Migranten aus Zentralamerika und den sie begleitenden mexikanischen AktvistInnen zum Mahnmal des unbekannten Migranten. Das Kreuz, direkt am Grenzfluss Rio Bravo und der Fußgängerbrücke gelegen, die Mexiko mit dem „amerikanischen Traum“ verbindet, erinnert an tausende Zentralamerikaner und Mexikaner, die hier ihr Leben verloren haben, ertrunken im Fluss, ermordet von Grenzpolizei oder Kriminellen.
Bewegende Momente für die 35 Mütter, zwei Väter und einen Bruder. Ungläubig fragen einige, ob das da drüben wirklich die USA seien. Sie sind schockiert von der hohen Mauer auf der anderen Seite und der Brücke, die einem langgezogenen Käfig gleicht. Vielen ist die Trauer anzusehen, einige weinen. Das ist das Ziel zu dem ihre Angehörigen aufgebrochen sind und das sie wahrscheinlich nie erreicht haben.
In acht Fällen erhielten sie das letzte Lebenszeichen ihrer Angehörigen von hier aus dem Bundesstaat Tamaulipas. María aus Guatemala berichtet, dass sie noch Geld an einen coyote, einen Schlepper hier in Reynosa überwiesen hat, der ihren Mann über den Fluss bringen sollte. Seinen Namen und seine Telefonnummer hat sie dabei. Unzählige Male habe sie ihn angerufen, um etwas über den Verbleib ihres Gatten zu erfahren. Anfangs hieß es, er sei von der Polizei aufgegriffen worden, dann wurde sie beschimpft, sie sei verrückt und solle ihn in Ruhe lassen. Ein Mexikaner in der Migrantenherberge berichtet, dass es praktisch nicht mehr möglich ist, den Rio Bravo zu überqueren, ohne eine „Gebühr“ zu zahlen. Überall seien Späher. Sein Freund habe sich geweigert und wollte ans andere Ufer schwimmen. Er wurde brutal zusammen geschlagen und sei nun im Krankenhaus.
„Lasst uns den Regierungen, den Sicherheitskräften auf beiden Seiten der Grenze symbolisch diese Blumen entgegen schleudern, als Zeichen unserer Forderungen. Wir sind menschliche Wesen, wir sind keine Kriminellen, wir sind internationale Arbeiterinnen und Arbeiter, auf der Suche nach Arbeit, um den Lebensunterhalt unserer Familien zu sichern“, erklärt Fray Tomás. „Der neu gewählte Präsident Mexikos hat angekündigt er werde eine neue Grenzpolizei an die mexikanische Südgrenze entsenden. Wir werden nicht zulassen dass unsere südlichen Bundesstaaten in ein mexikanisches Arizona, ein mexikanisches Texas verwandelt werden.“
In der Migrantenherberge von Reynosa treffen die Angehörigen gleichermaßen auf Deportierte, die wieder zurück in die USA wollen, wie auf gerade Angekommene, Zentralamerikaner und Mexikaner. Hier verschwinden die Unterschiede zwischen ihnen, sind alle gleichermaßen der organisierten Kriminalität, der Polizei und der Border Patrol auf der anderen Seite ausgeliefert.
Reynosa, Mexiko, 18.10.2012
Veröffentlicht von Dieter Müller am 18.10.2012 | 0 Kommentare
