
In der von den medico-Partnern Mesoamerikanische Migrantenbewegung (Movimiento Migrante Mesoamericano - M3) und Migrantenherberge "La 72" (in Tenosique) gestern durchgeführten Pressekonferenz wurde u.a. Cervelio Mateo Campos vorgestellt, ein junger Mann aus Honduras, der dank der Kollegen von M3, die ihn in Tabasco ausfindig machten, gestern nach sieben Jahren erstmals wieder Kontakt mit seinen Eltern in Honduras aufnehmen konnte. Er verließ als 19-jähriger Honduras, um sein Glück in den USA zu suchen, Geld zu verdienen für ein Haus, ein Auto, um besser leben zu können.
Seinen Eltern hinterließ nur einen kurzen Abschiedsbrief. Als er in Tenosique, an der mexikanisch-guatemaltekischen Grenze zum ersten Mal "die Bestie" sah - den Güterzug, auf dem viele Migranten ihren Weg durch Mexiko suchen - bekam er Angst. Noch nie hatte er einen Zug gesehen und das Aufspringen auf den Zug gelang ihm bei ersten Mal nicht. Bei einem Stopp der "Bestie", versuchte er was zu Essen zu organisieren, doch der Zug fuhr weiter, bevor er zurückkam und so verlor er den Kontakt mit seinem mitreisenden Freund.
Anfangs konnte er noch über ein Gemeinderadio in Honduras Nachrichten an seine Eltern schicken, aber als das Radio zwei Jahre später seine Sendungen einstellen musste, gab es keine Möglichkeit des Kontakts mehr. Die Familie lebt in einem entlegenen Weiler, in dem es keinen Telefonempfang gab. Er fand Arbeit in Tabasco, blieb schließlich dort und gründete eine Familie. Deshalb und aufgrund seines Status als Person ohne Aufenthaltsgenehmigung in Mexiko traute er sich nicht, (illegal) nach Honduras zu reisen, aus Angst er könne bei seiner Rückkehr nach Mexiko erwischt und deportiert, von seiner mexikanischen Familie getrennt werden.
Gestern konnte Cervelio nach langer Zeit das erste Mal per Handy mit seinen Eltern sprechen, aber seine Mutter wird er Mitte Oktober in Tenosique persönlich wiedersehen, wenn sie als Teil der diesjährigen Karawane Familienangehöriger verschwundener Migranten aus Zentralamerika, die wie bereits im Vorjahr von medico finanziert wird, nach Mexiko kommen wird.
Das zentrale Anliegen unserer Partner ist aber nicht die Suche Verschwundener, sondern in erster Linie der Kampf für eine andere Migrationspolitik des mexikanischen Staates, für eine Migration ohne Gewalt, dafür dass kein Mensch illegal ist. Das Schicksal zigtausender Migranten und Migrantinnen, die Jahr für Jahr in Mexiko überfallen, ausgeraubt, erpresst, misshandelt, vergewaltigt werden, muss öffentlich gemacht werden, um Politik und Gesellschaft aufzurütteln, um all dem ein für alle mal ein Ende zu bereiten. Mit der gerade neu gewählten PRI-Regierung steht zu befürchten, dass sich die Dinge eher verschlechtern. "Dem werden wir alles in unserer Macht stehende engegenhalten", erklären die Aktivisten und Aktivistinnen von M3, und dass sie was bewegen können, haben sie schon oft unter Beweis gestellt.
Morgen werden wir gemeinsam nach Lechería und Huehuetoca, Bundesstaat Méxiko, fahren. Dort zeigt sich bereits jetzt, wie die künftige Politik der PRI-Regierung in Sachen Migration aussehen könnte. Die Migrantenherberge in Lechería, in der täglich 100 bis 150 Migranten betreut wurden, wurde vor einem Monat geschlossen, und die Bemühungen der Aktivisten von M3 und befreundeten Organisationen, den Migranten eine Alternative zu bieten, werden massiv behindert. Auf eine eilig installierte Notküche in der Nähe der geschlossenen Herberge und die dort anwesenden Migranten und Aktivisten wurde in der Nacht geschossen. M3 erstattete umgehend Anzeige gegen Unbekannt und forderte eine Untersuchung. Später beschuldigten die Behörden einen M3-Aktivisten selber die Schüsse abgegeben zu haben, um einen Zwischenfall zu inszenieren. Die Polizei suchte nach ihm. Inzwischen ist er außer Landes, bis sich die Wogen glätten.
Dieter Müller, Mexiko-Stadt
Veröffentlicht von Dieter Müller am 15.08.2012 | 0 Kommentare
