
Nahla Ibrahim (Name geändert) kam zusammen mit ihrer Schwester vor fünf Jahren aus dem palästinensischen Jenin nach Syrien, um der Enge und den Gewaltverhältnissen auf der von Israel besetzten Westbank zu entgehen. Beide zogen in das Nahe am Stadtzentrum von Damaskus gelegene „Mokhayam Al-Yarmouk“-Camp. In der Flüchtlingsstadt Yarmouk leben auf 2,1 Quadratkilometern mehr als 150.000 registrierte palästinensische Flüchtlinge. Auch in Yarmouk wurde am Freitag letzter Woche (20.7.2012) demonstriert. In Folge kam es zu Schusswechseln der Regierungsarmee mit syrisch-oppositionellen und palästinensischen Milizionären. Die Armee riegelte daraufhin das Camp militärisch ab und begann einzelne Bezirke zu beschießen. Nach dem in den umliegenden syrischen Stadtvierteln Tadamoun und Hajar-al-Aswad ebenfalls Kämpfe ausbrachen, flohen ca. 500.000 Bewohner zu Verwandten, viele suchten Zuflucht in den Schulen, Kindergärten, Moscheen und öffentlichen Einrichtungen des palästinensischen Camp. Nahla Ibrahim und ihre Schwester entschieden trotz der Gewalt in Yarmouk zu bleiben – und zu helfen. Beide lassen sich aktuell in einem Schnellkurs von palästinensischen Gesundheitsorganisationen zu Arzthelferinnen ausbilden. Nach Jenin wollen sie nicht zurückkehren.
Nahla Ibrahim schreibt am 25.07.2012:
Was früher nur ein Fluch war, ist heute für andere ein Segen...
Der Ort an dem ich lebe war lange Zeit bekannt als das größte palästinensische Flüchtlingslager in Syrien. Nach den Kämpfen der letzten wurde das palästinensische Yarmouk-Camp zu einem Zufluchtsort für syrische Flüchtlinge aus dem gesamten Umland. Ich möchte über meine Erlebnisse der letzten Wochen berichten. Ich lebe im fünften Stock eines Wohnhauses und habe aus meinem Fenster heraus einen entsprechend guten Überblick auf die gesamte Umgebung. Ich kann die Bomben sehen, die in der Nachbarschaft einschlagen und höre die fallenden Schüsse. Trotz der Scharfschützen, die um mich herum verteilt sind, treibt mich meine Neugierde immer wieder ans Fenster und ich versuche zu sehen, was um mich herum geschieht. Dreimal wurde bereits auf mich geschossen, aber im Gegensatz zu anderen hatte ich bislang Glück und blieb unverletzt. Einige dieser Scharfschützen (der Assad-Armee, Anm.) wurden mit Hilfe von oppositionellen Milizionären vertrieben. Ich bin weder Syrerin noch bin ich ein Flüchtling. Meine Schwester und ich kamen aus aus Jenin in Palästina nach Syrien. Wir wollten hier studieren und leben. Mittlerweile fühlen wir uns wieder als Flüchtlinge. Wie viele andere hier in Syrien wieder auf der Flucht oder gefangen in unseren eigenen vier Wänden. Wir sind Flüchtlinge in unserem eigenen Leben. Ein Leben, das jederzeit mit einer fehlgeleiteten Kugel enden könnte. Meine Geschichte ist nur eine kleine Geschichte, aber sie ist voll Angst, Unsicherheit und verlorenen Träumen. Die Geräusche der Hubschrauber, Schüsse und Explosionen um uns herum sind nun Teil unserer neuen Normalität.
28.07.2012/17.00 Uhr MEZ: Soeben meldet die palästinensische Nachrichtenagentur Ma'an, dass die syrische Armee das Filistin-Krankenhaus im Yarmouk-Camp beschossen hat und mittlerweile ein Bereich des Krankenhauses in Flammen steht. Palästinenser aus dem Camp berichteten Ma'an, dass die Armee das Krankenhaus gezielt angegriffen habe, weil die dortigen Ärzte alle Verletzten behandeln, die Armee aber nur die Versorgung von verletzten Soldaten erlaubt.
Veröffentlicht von medico am 26.07.2012 | 0 Kommentare
