medico international

10.04.2012

Guatemalareise im Februar 2012

Eine kurze Skizze

Charly Schweizer besuchte mit taz-Reisen und medico international die guatemaltekische Zivilgesellschaft. Freundlicherweise hat er einer Veröffentlichung seines Reiseberichts zugestimmt. Die nächste Guatemala-Reise mit Dieter Müller findet vom 9. bis 24. Februar 2013 statt. Mehr Informationen bei: tazreisen.

Reisebericht

Die 14tägige Reise durch Guatemala an welcher ich neulich teilnahm wurde von medico international in Frankfurt organisiert, zusammen mit „taz-Reisen“ und den Reisebüros „Travel to nature“ bei Freiburg sowie „Mundo Guatemala“ in Antigua/Guatemala. Reiseleiter während der zwei Wochen „Reise in die Zivilgesellschaft Guatemalas“ war der in jeglicher Hinsicht hervorragende Dieter Müller, derzeit Mittelamerikabeauftragter von medico international mit Wohnung in Managua/Nicaragua.

Die Reise hinterließ bei mir tief wirkende Eindrücke unterschiedlichster Art. Gleich am zweiten Tag hatten wir Begegnungen in und Aussprachen (teils in Deutsch, teils mit Übersetzung) in Guatemala-Stadt mit Vertreterinnen von ECAP, welche psychosoziale Betreuungsarbeit mit den Menschen (vor allem Frauen) leisten, welche durch den Terror der Militärdiktatur 1960 – 1996 Angehörige verloren hatten, vergewaltigt und/oder gefoltert wurden. Dieser thematische Kreis schloss sich am Ende der Reise im Tiefland der Pazifikküste, als wir eine Initiative besuchten, mit deren Unterstützung wiederum meist Frauen die sterblichen Überreste ihrer während des Terrors ermordeten Männer, Brüder und Schwestern ausgraben und mit diesen Befunden versuchen, die damaligen soldatischen Mörder vor Gericht zu stellen.

Tief beeindruckend war auch die Begegnung mit einem ehemaligen westdeutschen Linken, der nun als Rechtsanwalt zusammen mit der Generalstaatsanwältin Guatemalas mühsam versucht, führende Vertreter der früheren Militärregime vor Gericht zu bringen. Es tut in diesem Zusammenhang gut, am 3. März 2012 in der „jungen welt“ aus Guatemala zu lesen, dass der frühere Militärdiktator Efrain Rios Montt voraussichtlich doch vor Gericht des Völkermordes angeklagt wird. Wie lange allerdings der neue Staatspräsident und Ex-General Otto Perez Molina dies noch dulden wird, steht nicht nur für die Maya in den Sternen.

Spannend war beispielsweise auch die Initiative „Bosque Los Cimientos“ bei Cobán, welche den ehemals zerstörten Nebelwald auf rund 1900 Metern Höhe wieder aufforstet, bzw. hegt und von den daraus selbst gewonnenen Heiltinkturen und Pflegemitteln lebt. Die Gastfreundschaft und der Humor der Mayas und des ehemaligen Priesters als Projektleiter waren überwältigend. Die Produkte werden teilweise in Ciudad Guatemala in der von uns besuchten Verkaufskooperative „Das Nest“ verkauft. Die Landschaft rund um Cobán und nördlich davon in Richtung Petén war überwältigend schön, auch wenn die Zerstörungen der natürlichen Wälder bereits sehr weit fortgeschritten ist. Guatemala erhielt seinen Namen ursprünglich als „Land der Bäume“.

Medico International unterstützt in Guatemala u.a. das Ausbildungszentrum „Centro de Capacitación Ricardo Pérez Mira“ bei Playa Grande in der Nähe eines als Nationalpark geschützten Restes des ursprünglichen Dschungels. Dessen Leitung lieg in den fürsorglichen Händen der landesweiten Maya-Organisation A.C.C.S.S. Es ist bewegend, wie mit wenig Geld für das Zentrum eine eigene biologische Klärstufe der Abwässer erstellt sowie auf den Dächern teils Solarmodule teils auch eine Dachbegrünung als Regenauffangfläche und zur Raumklimatisierung errichtet wurden.

Mit am tiefsten beeindruckt hat mich der Empfanges im auch von A.C.C.S.S und medico international betreuten Dorf „Primavera del Ixcán“. Dies ist eine Maya-Dorfgemeinschaft, welche während der Militärdiktatur sich 12 Jahre im Dschungel versteckte und nun seit rund 10 Jahren ein neues legales Dorf aufbaut. Da der Staat dies so gut wie gar nicht fördert, und der Dorfgemeinschaft ihre früheren Kontakte zur Guerilla vorwirft, springen medico und A.C.C.S.S ein. Beide Organisationen vertreten den Grundsatz „Hilfe zur solidarischen Selbsthilfe“ hier vorbildlich. Und hoffentlich kann die dortige Grundschule bald so umgebaut werden, dass bei Regen nicht immer das Wasser durch die Klassenzimmer mit Lehmboden läuft. Natürlich haben wir auch die Maya-Tempel (Ruinen) in Tikal im Regenwald von Nordguatemala/Petén, in Quirigua unweit des Naturreservates am Rio Dulce und in Copán/Honduras besucht, sowie das Touristenzentrum rund um den von Vulkanen eingeschlossenen Atitlán-See. Dort in Panajachel haben es der Staat und die örtlichen Mächtigen bis heute nicht geschafft, das vor sieben Jahren durch ein Erdbeben zerstörte Klarwerk des Städtchens wieder aufzubauen.

Andere, weit nachhaltigere Zerstörungen durch Bergbau, bei der Ölförderung oder beim Anbau von Ölpalmen für den deutschen Bio-Sprit sind das Werk von transnationalen Konzernen aus den imperialistischen Metropolen Nordamerika und Europa. Das Wort „Globalisierung“ statt Imperialismus eignet sich dazu nur unzureichend, da es nicht über die nötige analytische Präzision verfügt.

Am vorletzten Tag durften wir in dem von den bewaffneten Jugendbanden der Mara terrorisierten Ziegelei-Städtchen Chimaltenango in einem armen Stadtviertel drei Stunden lang einem Maya-Gottesdienst beiwohnen. Zwei der an uns gerichteten Botschaften des Vertreters der Maya-Koordination Guatemala nach dieser Zeremonie blieben mir als überzeugtem Atheisten besonders in Erinnerung: Die Aussage, nach einem der drei Maya-Kalender ginge am 21. Dezember 2012 in irgend einer Form die Welt unter, stammt nicht von ihnen, den Maya, sondern aus Nordamerika und Europa. Sie sei zudem völlig falsch. Es endet an diesem Tag nach ihrem Kalender nur der 13. Vierhundertjahrzyklus (bak`tun) und der 14. Zyklus wird beginnen. Mehr nicht, auch wenn unsere sattsam bekannten Esoteriker beispielsweise rund um den Bodensee hartnäckig was anderes behaupten. Außerdem sei es in heutiger Zeit für einen spirituellen Menschen eine der zentralen Aufgaben, in der Welt für die gesunde Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen und zur Bewahrung der Natur zu wirken.

Wie gesagt, es war eine für mich tief beeindruckende Reise in einem meist wunderschönen Land, dessen arme große Bevölkerungsmehrheit von bewaffneten Mara- Jugendbanden, der superreichen und skrupellosen Drogen-Mafia sowie einem gefährlichen Filz aus Staat, Polizei und Militär terrorisiert wird. Die Reise wird zum Glück von medico international zusammen mit „taz-Reisen“ im Februar 2013 wiederholt, wiederum unter der wunderbaren Reiseleitung von Dieter Müller. Wer an medico international spendet, erhält u.a. den kostenlosen Medico-Rundbrief, immer wieder auch mit Artikeln von Dieter Müller zur Situation in America Central. Im Jahr 2011 erschien im Horlemann-Verlag in Berlin das hoch spannende und aufschlussreiche Buch „Teuflische Schatten – Zwei Frauen gegen die Mara Salvatrucha“, von Sandra López, übersetzt und herausgegeben von dem Berner Journalisten Andreas Böhm, über ihr bisheriges kurzes Leben und dessen fast tagtägliche Bedrohung durch die Mara Salvadrucha. Manche werden sich eventuell noch daran erinnern, wie in den 1980/1990er-Jahren der Lindauer Pfarrer Siegfried Fleiner zusammen mit Susanna Frank von der Bunten Liste und anderen hier im Städtchen internationalistische Guatemala-Solidaritäts-Arbeit leisteten.

Charly Schweizer, Lindau, den 4. März 2012

Veröffentlicht von Charly Schweizer am 10.04.2012 | 0 Kommentare

 

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