medico international

24.10.2014

Solidarität statt Angst

Warum Militarisierung nicht die Lösung für die Ebola-Epidemie ist

Die Ebola-Epidemie in Westafrika ist wie eine realistische Wiederkehr des von Saramago in der „Stadt der Blinden“ beschriebenen menschlichen Versagens, der Eigensucht und Herrschaft der Stärkeren. Eine restriktive Seuchenpolitik, die die Kranken und ihre Angehörigen stigmatisiert, führt zu nichts anderem als zur Ausbreitung der Seuche. In Saramagos Roman werden die plötzlich Erblindeten einkaserniert und militärisch bekämpft und im Stich gelassen. Unter ihnen siegt das Recht des Stärkeren. In Liberia, Sierra Leone und Guinea betreiben die dortigen Regierungen eine militarisierte Seuchenbekämpfung. Mit dem US-amerikanischen Militäreinsatz gegen Ebola ist die internationale Debatte ebenso militarisiert, er erscheint als ultimatio ratio. Doch drohen die nötigen Ressourcen, die die Verbreitung des Virus aufhalten können, dabei vernichtet zu werden. Eine dieser bedrohten Ressourcen heißt Vertrauen. Vertrauen, dass ich als Kranke die nötige Hilfe bekommen, Vertrauen, dass jeder und jede, der in Quarantäne muss, gepflegt, verpflegt und danach wieder aufgenommen wird.

Nichts davon ist in Westafrika der Fall. Die Militarisierung der Gesundheitspolitik, die Absperrung ganzer Armenviertel, die 21tägige Zwangsquarantäne von ganzen Familien sind wie in Saramagos Roman populistische Zwangsmaßnahmen, die eine vernünftige Aufklärung verhindern. Sie verlangsamen zwar die Seuche, können sie aber am Ende nicht aufhalten. Die medico-Partner in Sierra Leone, die nicht nur in der am meisten betroffenen Provinz Kenema, sondern auch in der noch weitestgehend vom Virus verschonten Provinz Kono Ebola-Aufklärung betreiben, berichten uns schockiert von dieser Politik. Denn es gibt kaum noch öffentliche Orte mehr, an denen Aufklärung betrieben werden könnte. Die Schulen sind geschlossen und die Wochenmärkte wurden verboten. Alles, was die Menschen an Normalität erinnern könnte, ist außer Kraft gesetzt. Jeder ist auf sich selbst und seine Angst verwiesen. So entsteht Ohnmacht und Misstrauen. Unter diesen Bedingungen gehen unsere Kolleginnen und Kollegen des Network Movement For Justice and Development von Haus zu Haus, ohne zu wissen, was sie erwartet. Aufklärung ist ihre Aufgabe und die einzige Möglichkeit gegen die Angst und die Unwissenheit Sicherheit durch Verhaltensregeln zu schaffen. Die militarisierte Seuchenbekämpfung ist dabei keine Hilfe.

In Sierra Leone hat die Seuche im März dieses Jahres mit zwölf Fällen begonnen. Hätte es ein Gesundheitssystem mit entsprechenden Standards in Sierra Leone gegeben, hätte sich der Virus nicht in dieser Form ausbreiten können. Doch es geht nicht nur um Krankenhäuser. Gesundheitspolitiker sprechen von der Notwendigkeit einer strukturellen Prävention. Denn je ärmer und ausgegrenzter die Menschen, umso weniger ist ihnen eine individuelle Prävention möglich. Dies ist eine Erfahrung aus der AIDS-HIV-Prävention. Zur strukturellen Prävention gehört neben einer Gesundheitsfürsorge, die ihren Namen verdient, eben auch Zugang zu Bildung und gemeindenahe Sozialarbeit, die die Menschen in ihrem Kontext versteht und entsprechende Aufklärungsmaßnahmen betreiben kann. Unsere sierra-leonischen Partner beherrschen dies seit vielen Jahren, aber sie haben keine politische Unterstützung durch Wirtschaft und Regierung. Hier ging es nur um Wirtschaftswachstum, das Wenigen in Sierra Leone zugute kam. Bei Literaturnobelpreisträger Saramago werden alle krank, erblindet die ganze Stadt. Irgendwann aber endet die Seuche so plötzlich wie sie gekommen war, nur in der Stadt ist niemand mehr derselbe. Das Recht des Stärkeren hat die Menschlichkeit besiegt. Was also lernen wir heute aus der Ebola-Epidemie? Werden wir blind, also krank, oder begreifen wir, dass sich in der Ebola-Bekämpfung nicht nur die Frage stellt, ob wir in den privilegierten Zonen gefährdet sind. Nur wenn es gelingt, allen Zugang zu Gesundheit zu verschaffen, sind auch wir geschützt.

Neben der Hilfe für die Menschen vor Ort, die so umfassend und vielfältig sein muss wie nur irgend möglich und die vor allen Dingen den lokalen Kräften die größtmögliche Unterstützung zukommen lassen muss, geht es heute schon um mehr. Notwendig ist ein Paradigmenwechsel in der Weltgesundheitspolitik, ohne den dem Menschenrecht auf Gesundheit nicht zum Durchbruch verholfen werden kann. Es bedarf der Schaffung von Normen und Institutionen, die die Gesundheit der Menschen und nicht die Profite von Investoren schützen. In Sierra Leone wie in ganz Westafrika waren die Gewinne und Wachstumsraten in den letzten Jahren sehr hoch; sie haben keine Dividende für die Gesundheit der Bevölkerungsmehrheit gebracht.

In der „Stadt der Blinden“ gibt es Rettung. Sie besteht in einer Frau, die nicht krank ist, und trotzdem bei den Erblindeten bleibt und den Widerstand gegen die anführt, die mit allen Mitteln das Recht des Stärkeren durchsetzen. Sie ist das Symbol der Solidarität. Solidarität statt Angst ist die Antwort auf einen Virus, der vor allen Dingen Ausdruck ist für den Terror der Armut.

Dieser Artikel erschien am 23.10.2014 als Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau.

Veröffentlicht von Katja Maurer am 24.10.2014

 

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